Zwei freie Tage und 19 Seillängen – Constantini-Apollonio an der Tofana di Rozes
Ein wunderschöner Herbsttag nach dem anderen – ein Tag schöner als der nächste. Und dann hatten mein Freund und ich, tatsächlich zwei Tage hintereinander frei.Also beschlossen wir, ins nahegelegene Cortina d’Ampezzo zu fahren und ein bisschen in den Dolomiten zu klettern.
Blick auf den Pilastro Pfeiler.
Am Vortag gingen wir zunächst noch eine kurze, gut abgesicherte Tour am Falzarego-Pass, um uns einzugrooven. Danach fuhren wir direkt bis vor die Haustür des urigen und wunderschönen Rifugio Dibona, wo wir die Nacht verbrachten.
Die Hütte liegt direkt am Fuß der Südwand der Tofana di Rozes. Perfekt also, um beim Abendessen schon einmal ehrfürchtig nach oben zu schauen und die Route für den nächsten Tag zu studieren.
Unser Ziel sollte die Constantini-Apollonio durch den mächtigen Pilastro-Pfeiler sein.
Mit ordentlich Respekt vor der Wand begannen wir bereits am Abend, unsere Rucksäcke für den nächsten Tag zu packen. Dabei begegneten uns am Parkplatz einige Seilschaften, welche die Route an diesem Tag geklettert waren.
„Weit entfernt von einer 7+ und abgespeckte Griffe in den Dächern erwarten euch. Gar nicht so ohne, die Route.“
Na super.
Trotz der Warnungen ließen wir uns natürlich nicht aufhalten. Stattdessen verspeisten wir erst einmal die Köstlichkeiten des Rifugio Dibona – bekanntlich eine ebenfalls wichtige Form der Tourenvorbereitung.
Am nächsten Morgen ging es früh los. Unser Plan war klar: Wir wollten die Ersten in der Route sein. Und dieser Plan ging voll auf. Bei Sonnenaufgang standen wir am Einstieg dieser mächtigen Wand. Vor uns lagen insgesamt 19 Seillängen, viele davon in recht konstant anspruchsvollen Schwierigkeitsgraden.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichten wir den ersten Stand – und kurz darauf kamen bereits die Nächsten hinter uns: eine Schweizer Seilschaft, Fredy und Urs. Zwei Bergkameraden und offensichtlich ausgezeichnete Kletterer. Es waren zwei ausgesprochen angenehme Kerle, mit denen wir uns im Laufe des Tages immer wieder den einen oder anderen Standplatz teilten. So konnten wir uns über die Route, die alpine Absicherung und die kleinen und größeren Herausforderungen austauschen.
Urs erklärte mir irgendwann, dass man bei solchen Touren als Vorsteiger während des Kletterns meistens eher wenig Spaß habe. Wenn man dann aber am Gipfel stehe, habe man retrospektiv trotzdem Spaß gehabt.
Eine Theorie, die ich durchaus nachvollziehen konnte.
Schuld daran sind unter anderem die ganz selbstverständlichen Runouts von sieben oder acht Metern, die paar rostigen Normalhaken, die man wohl oder übel zum Standbauen hernehmen muss, und das teilweise überschaubare Angebot an guten Friend-Placements. Aber mit Ludwig als meiner "Rope Gun" fühlte sich das ehrlich gesagt alles gar nicht so schlimm an.
Länge um Länge kletterten wir nach oben, bis wir schließlich vor den berühmten 6er-Überhängen standen. Eine Stelle mit einem beinahe waagrechten Dach und ausgesprochen abgespeckten Griffen. Aber siehe da: Die Nachkommen der Erstbegeher waren offenbar gnädig mit uns. Im Laufe der Jahre wurde genau dort ein solider Bohrhaken mit Schlinge platziert, sodass sich auch die Amateure unter uns irgendwie nach oben angeln können.
Und nun ja – was soll ich sagen? In so einer Wand muss man sich zu helfen wissen und hin und wieder tief in die Trickkiste greifen.
Die Trittschlinge war dementsprechend schnell einsatzbereit.
Nach dem ersten Dach folgte eine lange und anspruchsvolle Seillänge – ausgesprochen oberarmlastig, wie übrigens auch unsere Schweizer Freunde fanden. Das beruhigte mich zumindest ein bisschen.
Vor dem zweiten Dach wurde es dann noch einmal kurz ausgesprochen rutschig, bevor man endlich wieder nach den bunten Schlingen greifen konnte. Hat man auch dieses Hindernis überwunden, erreicht man einen kleinen Biwakplatz mit ausgesprochen schönem Panorama. Ein guter Ort, um kurz durchzuatmen – denn als Nächstes wartete ein Abschnitt, der in den Beschreibungen wenig schmeichelhaft als unangenehmer Kamin angekündigt wird: der „Maultierrücken“.
Aber tatsächlich gingen die Moves deutlich besser auf als erwartet. Nach oben hin noch einmal ordentlich gespreizt – und auch das war geschafft. Nach einer kürzeren 4er-Länge folgte dann ein herrlicher Kamin, den man ungefähr 50 Meter nach oben spreizen darf. Im Nachstieg wirklich ein Genuss. Im Vorstieg vermutlich eher ein Kampf um die nächste halbwegs brauchbare Sicherungsmöglichkeit.

Danach wurde es langsam leichter: eine weitere 4er-Länge und zwei leichtere Quergänge. Leicht bedeutete zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht unbedingt entspannt – sowohl dem Vorsteiger als auch dem Nachsteiger verlangten sie noch einmal volle Konzentration ab. Dann kam nur noch die kurze Ausstiegslänge. Im Führer als 1er- bis 2er-Gelände beschrieben. Nun ja.
Wenn 1er- bis 2er-Gelände derart senkrecht sein darf, müssen wir unsere persönliche Bewertungsskala wohl noch einmal überdenken. Für uns fühlte sich das Ganze eher nach 3+, wenn nicht sogar 4, an. Danach noch ungefähr 20 Minuten durch eine geröllige Rinne hinauf – und plötzlich standen wir oben.
Nach knapp 7 Stunden hatten wir diesen absoluten Dolomitenklassiker durchstiegen. Und unsere Schweizer Freunde Fredy und Urs waren ebenfalls kurz darauf oben. Am Gipfel wurden wir mit einem spektakulären Blick über die Tofana-Gruppe und die Dolomiten belohnt. Nach 19 Seillängen, abgespeckten Dächern, rostigen Normalhaken, Runouts, Kaminen und einer sehr zuverlässig eingesetzten Trittschlinge fühlte sich die Aussicht gleich noch ein bisschen besser an.
Der Abstieg über den Normalweg erwies sich erfreulicherweise als schnell und unkompliziert. Rund eineinhalb Stunden später saßen wir bereits wieder auf der Terrasse des Rifugio Dibona - Vor uns die massive Südwand. Und irgendwo darin diese feine gekonnte Linie, die wir an diesem Tag von unten bis oben geklettert waren.
Ein absolut gelungenes Bergabenteuer – wir waren sehr glücklich. Und während wir dort saßen und zurück auf die Wand blickten, mussten wir noch einmal an die Erstbegeher denken.

Ettore Constantini und Renato Apollonio eröffneten die Route 1944!
Mit der Ausrüstung der damaligen Zeit durch eine solche Wand zu steigen, können wir uns heute kaum vorstellen. Keine modernen Friends, keine komfortablen Gurte, keine ultraleichten Halbseile – und ganz sicher keine bunte Trittschlinge, die einem an der entscheidenden Stelle freundlich entgegenbaumelt. Die beiden müssen gnadenlose Kletterer gewesen sein. Eine wahrhafte Spitzenleistung – und spätestens nach diesem Tag noch einmal eine ganz andere Dimension des Respekts vor den Pionieren, die solche Linien überhaupt erst möglich gemacht haben.
Bilder von der Tour


